DIE VERDAUUNG DES PFERDES
Die
Verdauungsprozesse beim Pferd werden wesentlich von der Menge
und Zusammensetzung des aufgenommenen Futters beeinflusst.
Hierbei ist besonders der positive Einfluss hoher Mengen kaufähigen
Rauhfutters zu erwähnen. Die Verdauungsprozesse laufen
in den folgenden Bereichen ab:
-
Maulhöhle
-
Magen,
bestehend aus Magenblindsack (schließt sich direkt
an die Speiseröhrenmündung an) und eigentlichem
Magen, der am Ende durch den Pförtner begrenzt wird
-
Dünndarm,
bestehend aus Zwölffingerdarm, Leerdarm und Hüftdarm
-
Dickdarm,
bestehend aus Blinddarm (Caecum), Grimmdarm (untere und
obere Colonlage) und Mastdarm.
Störungen
in den Verdauungsprozessen jeder einzelnen Sektion, ausgelöst
durch Stress, Magenüberladung, verkürzte Fresszeiten,
unzureichende Versorgung mit kaufähigem Rauhfutter, mangelhafte
hygienische Futterqualität und weitere Faktoren können
zu schwerwiegenden Fehlgärungen und daraus resultierenden
Koliken führen. Deshalb ist besonderer Augenmerk auf
die pferdegerechte Fütterung, angepasst an die verdauungsspezifischen
Besonderheiten, zu richten. So können bereits im Vorfeld
viele Erkrankungen und Probleme minimiert oder sogar verhindert
werden.
DIE MAULHÖHLE
Für
den optimalen Beginn der Verdauung bereits in der Maulhöhle
ist die intensive Nahrungseinspeichelung und Zerkleinerung
der Nahrung von großer Bedeutung. Sie wird durch möglichst
lange Futteraufnahmezeiten gefördert. Natürlich
gehaltene Pferde verwenden zur Futteraufnahme bis zu 18 Stunden
täglich. Dieses variiert bei den heutigen Haltungsbedingungen
stark:
1
kg Heu = 40-50 Minuten Futteraufnahme (Großpferd) =
4 l Speichelfluss/kg Trockenmasse
1
kg Hafer = 8-15 Minuten Futteraufnahme (Großpferd) =
1 l Speichelfluss/kg Trockenmasse
Die
Kaudauer bei gequetschtem Hafer oder sogar pelletiertem Futter
ist noch wesentlich kürzer. Ponys benötigen zur
Futteraufnahme die jeweils doppelte Zeitmenge. Allgemein werden
Schrote von Getreide länger gekaut als gequetsche Futtermittel.
Eine
hohe Speichelsekretion hat viele positive Einflüsse
auf die eintretende Nahrung:
-
Diätetische
Wirkung durch die im Speichel enthaltenen Muzine
-
Macht
den Nahrungsbrei gleitfähig
-
Wirkt
schleimhautschützend
-
Wirkt
bakteriostatisch
-
Beeinflusst
die ph-Wertabsenkung im Magen positiv.
Das
Pferd hat ein hohes natürliches Kaubedürfnis.
Dieses kann gestillt werden durch:
-
Rohfaserreiches
Heu, dessen Rohfaseranteil mindestens 25-32% der Trockenmasse
betragen sollte
-
Kaufähiges
Rauhfutter mit einer strukturierten Rohfaser, z.B. hochwertiges
Stroh nicht nur als Einstreu, sondern als Futtermittel.
-
Ganzen,
hochwertigen Hafer.
Durch
intensives Kauen können viele Probleme vermindert
werden:
-
Verdauungsstörungen
-
Anschoppungen
in tiefer gelegenen Abschnitten des Magen-Darm-Traktes
-
Fermentationsstörungen
im Dickdarmbereich
-
Mangelnder
Zahnabrieb und damit verbundenes Entstehen von Haken auf
den Zähnen und damit einer verminderten Möglichkeit,
die Nahrung zu zerkauen, des weiteren die Entstehung reiterlicher
Probleme aufgrund von Blockaden im Gebissbereich
-
Durch
lange Beschäftigungsdauer Vermeidung von Unarten
wie:
- Koppen
- Weben
- Barren oder Stangen wetzen
- Kot fressen
- Lecksucht.
Der
Rationsanteil an kauhfähigem Rauhfutter sollte 18-25%
der Gesamttrockenmasse betragen, dieses sind ca. 0,5-0,8 kg
pro 100 kg Lebendmasse. Bei Stuten, Zuchtpferden und empfindlichen
Tieren sollte er wenigstens 1 kg/100kg Lebendmasse betragen.
Die größere Rauhfutterportion sollte am Abend gegeben
werden, da es langsames Fressen und somit eine gute Einspeichelung
begünstigt. Ideal ist die Heufütterung vor der Kraftfuttergabe.
Silagen
sowie feingemahlene Grünmehle und pelletierte Futter
erfüllen die oben aufgeführten Anforderungen an
Pferdefutter nicht oder nur teilweise und sind aus diesem
Grunde in der Pferdefütterung abzulehnen.
DER MAGEN
Der
Magen des Pferdes hat ein Fassungsvermögen von ca. 12-14
Litern und ist nur begrenzt dehnfähig. Sein Übergang
von der Speiseröhre (Cardiaverschluss) ist sehr fest
und hat eine schräge Einmündung. Dieser Schließmuskel
lässt die Nahrung nur portionsweise in den Magen (Beschickung
mit kleinen Boli). Durch diesen festen Verschluss bedingt
kann das Pferd sich nicht erbrechen und bei schneller Aufgasung
im Magen kann es zu Rupturen des Cardiaverschlusses kommen.
Die Aufnahmekapazität
des Magens für Trockenmasse beträt 2% der Lebendmasse
eines ausgewachsenen Pferdes, also bei einem Gewicht von 600
kg maximal 12 kg. Bei jungen, im Wachstum befindlichen Tieren
und laktierenden Stuten erhöht sich der Wert auf 3%.
An
die Speiseröhre schließt sich zunächst der
sogenannte Magenvorsack an, der innen mit einer hautartigen
Schleimhaut ohne Sekretproduktion ausgekleidet ist. Hier findet
bereits eine gewisse Fermentation statt. Durch eine gute Durchsaftung
des Nahrungsbreis kommt es hier schon zu einer ph-Absenkung,
die einen bakteriostatischen Effekt hat. Der ph-Wert im Pförtnerbereich
am unteren Ende des Magens liegt bei bis zu ph 2. Die Aufgabe
des Pförtners besteht darin, den Darm nur portionsweise
mit Mageninhalt zu beschicken.
Die gute Durchsaftung
des in den Magen eingetretenen Futters hat auf die Eiweißverdauung
im Magen durch Pepsin positiven Einfluss, ebenso auf die mikrobielle
Inaktivierung des Futters.
Bei
hohen Kraftfuttergaben erhöht sich die Verweildauer des
Mageninhalts aufgrund seines höheren Trockensubstanzgehalts
(weniger Einspeichelung!) und verzögert so die wichtige
Absenkung des ph-Wertes. Dadurch kann es zu verschiedenen
Problemen kommen:
-
Störungen
der Magenverdauung
-
Im
Futter enthaltene Bakterien werden nicht inaktiviert
-
Es
bilden sich Gase und Laktat, was Magenkoliken zur Folge
haben kann.
Solche
Störungen lassen sich durch einige wenige Regeln
vermindern:
-
Pro
Mahlzeit nicht mehr als 0,5% der Lebendmasse des Pferdes
als Krippenfutter
-
Vermeidung
von Überlastungen des Verdauungskanals
-
Wird
Hafer durch Gerste oder Mais ersetzt, die nicht so leicht
verdaulich sind, sollte nicht mehr als 0,3% der Lebendmasse
pro Mahlzeit gefüttert werden.
-
Heufütterung
vor der Kraftfuttergabe
-
Sicherstellung
einer guten hygienischen Futterqualität
-
Denken
Sie an die Fermentationseigenschaften von frischem Heu
und Stroh. Die Fermentation ist erst nach 8 Wochen abgeschlossen.
DER DÜNNDARM
Er
besteht aus mehreren Abschnitten, die sich folgendermaßen
aufgliedern:
-
Zwölffingerdarm,
seine Länge beträgt ca. 1 m
-
Leerdarm,
durchschnittliche Länge ca. 25 m
-
Hüftdarm,
etwa 0,7 m lang.
Im
Dünndarm wirken auf die Nahrung drei verschiedene Sekrete
zur weiteren Verdauung und Aufschlüsselung ein, die der
enzymatischen Verdauung der Nährstoffe (Stärke,
Zucker, Protein, Fett) dienen:
-
Der
Darmsaft, ein Sekret, das in der Darmschleimhaut gebildet
wird
-
Das
Sekret der Bauchspeicheldrüse
-
Die
Gallenflüssigkeit, die in der Leber gebildet wird.
Der
Transport des dünnflüssigen Nahrungsbreis durch
den Darmkanal geschieht durch die Darmmuskulatur mit wellenförmig
fortschreitenden Kontraktionen. Die damit verbundenen Einschnürungen
des Darmkanals, die drei- bis sechsmal in der Minute über
den Darm hinweggehen, sorgen für eine gute Durchmischung
des Darminhalts.
Primäre
Störungen der Dünndarmverdauung sind relativ selten.
Sie können z.B. durch Entzündungen hervorgerufen
werden. Die Entstehung von Dünndarmkoliken hingegen
wird durch Faktoren ausgelöst, deren Ursprung im Folgenden
liegen kann:
-
Magenüberladung
-
Störung
der Magenverdauung
-
Hygienemängel
im Futter
-
Intensive
Fermentationsvorgänge im Magen
-
Störungen
der Passage
-
Störungen
der Durchsaftung
-
Unzureichende
ph-Wertabsenkung und damit verbundene intensive Dünndarmgärung
mit Laktat- und Gasbildung, dadurch flutet unverdaute
Nahrung in den Dickdarm, was in der Folge auch dort zu
intensiven Fehlgärungen führt
DER DICKDARM
Er
besteht ähnlich wie der Dünndarm aus verschiedenen
Teilen, die sich folgendermaßen aufgliedern:
-
Blinddarm,
auch Caecum genannt, Inhalt ca. 20 l
-
Grimmdarm,
bestehend aus den beiden Colonkammern (zunächst untere
Colonlage, dann obere Colonlage)
-
Mastdarm
mit Anus
Beim
Eintritt des bereits enzymatisch verdauten Futterrestes (Ileochymus)
aus dem Dünndarm ist dieser sehr wasserreich. Er besteht
nur zu ca. 5% aus Trockenmasse. Bei rohfaserreicher Fütterung
kann dieser Wert bedingt durch die Erhöhung des Speichelflusses,
der Magen-, Darm- und Pankreassekretion noch niedriger liegen.
1 kg Rauhfutter (Trockenmasse) bedingt 12 l ileocaecalen Wasserflux,
1 kg Krippenfutter (Trockenmasse) bedingt nur ca. 6 l dieser
Substanz.
Im
Blinddarm beginnt die Umschichtung und Anreicherung des Futtersubstrats.
Die Nachfermentationsvorgänge werden angeregt und die
Celluloseverdauung eingeleitet. Das Futtersubstrat enthält
hier bei Haferfütterung kaum noch Stärke, bei Fütterung
mit Mais noch bis zu 20% Stärke. Der Proteingehalt ist
endogener Natur. Es befindet sich hier ein hoher Anteil an
Harnstoff, so dass auch bei knapper Proteinversorgung genügend
Stickstoff für die weiteren mikrobiellen Umsetzungen
vorhanden ist. Im Ileochymus finden sich fast gleichbleibende
Gehalte an puffernden Substanzen (Natriumbicarbonat, flüchtige
Fettsäuren), denen eine große Bedeutung bei der
kontrollierten Fermentation und dem möglichst gleichbleibenden
ph-Wert zukommt.
Als
Folge hoher ileocaecaler Flüsse leicht fermentierbarer
Nährstoffe (bei Mangel an Rohfaser) kann es zu einer
Übersäuerung des Dickdarmes kommen, ausgelöst
durch eine Anreicherung flüchtiger Fettsäuren, die
dadurch eine Milchsäureanreicherung verursacht. So kommt
es zu einem starken ph-Wert Abfall, durch den schwere Durchfälle
ausgelöst werden können.
Bei
rohfaserreicher Fütterung ist die Chymus-Trockenmasse
(kaum Stärke, kein Zucker, wenig Protein) qualitativ
so zusammengesetzt, das sie mikrobiell nur langsam angegriffen
werden kann und die Gefahren intensiver Fellgärungen
ggf. mit Gasbildung (Koliken) gering sind.
Die
stark erweiterten Dickdärme sind sogenannte Gärkammern,
in denen durch Bakterien die Cellulose abgebaut wird. Gleichzeitig
findet hier ein bakterieller Aufbau der Vitamine B und K statt.
Das Futtersubstrat enthält hohe Mengen an Elektrolyten,
pro 1 l handelt es sich um 3-3,6 g Natrium. Auf dieses Reservoir
kann bei Bedarf und großer Belastung zurückgegriffen
werden. Rohfaserreiche Fütterung fördert entscheidend
den Elektrolytfluss und das Puffervermögen des Ileochymus.
Die Wasser- und Natriumabsorption beim Pferd findet besondere
Bedeutung im Colonbereich des Darmes (sowohl obere als auch
untere Colonlage).
Störungen
der Dickdarmverdauung finden sich in folgenden Bereichen:
-
Fehlfermentationen
durch Anflutung leichter vergärbarer Komponenten
-
Beeinträchtigung
der Dünndarmverdauung durch bereits beschriebene
Fütterungsfehler oder aber auch Krankheit, Stress,
hohe körperliche Anstrengungen, Beeinträchtigung
der Enzymausschüttung etc.
-
Mechanische
Beeinträchtigungen der Dickdarmpassage durch Verstopfungen
und Anschoppungen
-
Reizungen
der Darmwand durch schlecht gekaute faserreiche Materialien
wie z.B. gehäckseltes Stroh, feingeschnittenes Gras
-
Darmsteine,
die u.a. durch einseitig phosphor- und phytatreiche Fütterung
entstehen können (ehr selten)
Die
täglich produzierte Kotmenge beträgt je nach Fütterung
15-23 kg. Sie besteht zu ca. 75% aus Wasser und wird in 5-12
Vorgängen vom Pferd abgesetzt.
Die
Durchgangszeit der Nahrung durch den Verdauungskanal beginnt
mit der Ausscheidung ca. 20 Stunden nach der Futteraufnahme
und endet erst nach ca. 4-5 Tagen. Die Eindickung des dünnflüssigen
Dünndarminhaltes durch Wasserentzug findet in den hinteren
Abschnitten des Dickdarmes statt. Die Fortbewegung des Substrates
im Dickdarm erfolgt ähnlich wie im Dünndarm.
ZUSAMMENFASSUNG
Viele
Störungen im Ablauf der Verdauungsvorgänge können
im Vorfeld minimiert oder sogar vermieden werden, wenn einige
Regeln bei der Fütterung der Pferde eingehalten werden:
-
Qualitativ
hochwertige, hygienisch einwandfreie Futtermittel
-
Pferde
benötigen lange Fresszeiten. Die Menge an kaufähigem
Rauhfutter ist hier ein entscheidender Faktor.
-
Vermeiden
von Überfütterung, unnötigem Stress, Belastung
direkt nach der Nahrungsaufnahme usw.
Das
richtige Futter in der passenden Zusammensetzung und Fütterungsreihenfolge
beeinflusst
Im
Maul:
-
Zerkleinerung
-
Speichelbildung
-
Aufnahmedauer
Im
Magen:
Im
Dünndarm:
-
Endogene
Sekretion
-
Ileocaecalen
Pufferfluss
Im
Dickdarm:
Aus
dieser Summe an vorausgegangenen Argumenten heraus versteht
sich eine Ablehnung der Fütterung von Pferden mit Silage,
Heusilo oder Anwelksilage sowie pelletierten Futtermitteln
von selbst. Für die Gesunderhaltung des sehr empfindlichen
Verdauungstraktes des Pferdes und somit der gesamten guten
Versorgungssituation des Tieres mit allen Vitalstoffen, die
der Organismus benötigt, kann die Bedeutung der Fütterung
möglichst natürlicher Futtermittel mit hohem Anteil
an kaufähiger Rohfaser ohne Konservierung gar nicht oft
genug betont werden.
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